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Medical Gaslighting und Autismus – Wenn Therapie unbeabsichtigt schaden kann

  • Autorenbild: Melanie
    Melanie
  • vor 46 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

„Isolieren Sie sich nicht so sehr.“

„Bei Angststörungen hilft Expositionstherapie am besten.“

„Sie können sich doch nicht ständig nur mit einem Thema beschäftigen. Machen Sie doch mal etwas anderes.“


Solche gut gemeinten Aussagen oder therapeutischen Empfehlungen begegnen vielen autistischen oder AuDHS-Menschen im therapeutischen Kontext. Was zunächst unterstützend klingt, kann jedoch problematisch oder sogar schädlich sein.


Doch woran liegt das?



Psychotherapie orientiert sich überwiegend an neurotypischen Menschen


Die moderne Medizin – und damit auch die Psychotherapie – basiert größtenteils auf Erkenntnissen, die an neurotypischen Menschen gewonnen wurden. Da neurotypische Menschen die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, ist diese Orientierung grundsätzlich nachvollziehbar und sinnvoll.


Schwierigkeiten entstehen jedoch dann, wenn therapeutische Konzepte ohne Anpassung auf autistische Menschen übertragen werden. Problematisch wird es insbesondere, wenn:


  • autistische Eigenschaften als Symptome verstanden werden, die „behandelt“ oder reduziert werden sollen

  • Autismus / AuDHS selbst nicht ausreichend verstanden wird

  • Betroffene implizit oder explizit in ein neurotypisches Bild von psychischer Gesundheit gedrängt werden


Psychotherapie kann für autistische Menschen sehr hilfreich sein – allerdings vor allem dann, wenn sie individuell angepasst wird und die neurodivergente Lebensrealität berücksichtigt. Anders formuliert: Therapie sollte mit autistischen Menschen arbeiten – nicht gegen sie.


Wenn Vertrauen in Fachpersonen zu Missverständnissen führt


Viele autistische Menschen verfügen über ein gutes Gespür dafür, wenn sich therapeutische Interventionen nicht stimmig anfühlen, und beenden die Behandlung frühzeitig. Andere vertrauen verständlicherweise auf die fachliche Kompetenz ihrer Therapeut:innen und hinterfragen Empfehlungen zunächst nicht.


Gerade hier kann es zu sogenannten medical gaslighting-Erfahrungen kommen. Dabei werden Beschwerden, Wahrnehmungen oder Bedürfnisse von Betroffenen – meist unbeabsichtigt – relativiert, fehlinterpretiert oder nicht ernst genommen.


Solche Situationen entstehen häufig nicht aus mangelndem Engagement, sondern aus strukturellen Gründen. Dazu zählen unter anderem:


  • begrenztes Fachwissen über Autismus und ADHS in vielen therapeutischen Ausbildungen

  • stereotype oder veraltete Vorstellungen über neurodivergente Menschen

  • die Anwendung standardisierter Behandlungsmethoden ohne ausreichende Anpassung an individuelle neurologische Besonderheiten

  • (manchmal leider auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften der Fachkräfte, u.a. starke Selbstüberzeugung)



Das Double Empathy Problem: Gegenseitige Missverständnisse


Ein weiterer Faktor ist das sogenannte Double Empathy Problem. Dieses beschreibt, dass Kommunikationsschwierigkeiten zwischen autistischen und neurotypischen Menschen nicht einseitig entstehen, sondern auf wechselseitigen Verständnisschwierigkeiten beruhen.


Unterschiedliche Kommunikationsstile, eine andere Interpretation von Körpersprache oder Mimik sowie verschiedene Arten, Emotionen auszudrücken, können dazu führen, dass bestimmte Situationen im therapeutischen Setting fehlinterpretiert werden. Dadurch kann es passieren, dass autistische Bedürfnisse als Widerstand, Vermeidung oder mangelnde Motivation fehlgedeutet werden.


Wenn gut gemeinte Therapie Ängste verstärken kann


Ein häufiges Beispiel ist die Behandlung von Angststörungen. In vielen Fällen gilt die Expositionstherapie als wirksamer Ansatz. Dabei lernen Betroffene, sich schrittweise mit angstauslösenden Situationen zu konfrontieren, um zu erfahren, dass keine reale Gefahr besteht.


Bei autistischen / AuDHS Menschen kann die Ursache von Angst jedoch eine völlig andere sein.


Angst vor Menschenmengen entsteht beispielsweise häufig nicht aus sozialer Furcht, sondern aus:


  • sensorischer Überlastung

  • fehlender Vorhersehbarkeit von Situationen

  • Schwierigkeiten bei der Reizfilterung


In solchen Fällen kann eine Konfrontation nicht zu einer Gewöhnung führen, sondern zu Überforderung oder Kontrollverlust. Betroffene können dabei lernen, dass ihre eigenen Grenzen und Körperreaktionen „falsch“ seien. Dies kann Gefühle von Ohnmacht verstärken und den Eindruck vermitteln, therapeutische Ziele nicht erreichen zu können.


Ein autismusfreundlicher Umgang mit solchen Situationen ist hier empfehlenswerter.


Wenn autistische Selbstregulation fehlinterpretiert wird


Auch typische autistische Verhaltensweisen können missverstanden werden. Dazu zählen beispielsweise:


  • das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Routinen

  • Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen

  • Stimming (selbstregulierende Bewegungen oder Handlungen)



Diese Verhaltensweisen erfüllen für viele autistische Menschen eine wichtige stabilisierende Funktion. Sie helfen dabei, Emotionen zu regulieren, Stress abzubauen oder sensorische Reize zu verarbeiten.


Werden solche Strategien jedoch als Symptome einer Zwangsstörung interpretiert und therapeutisch unterdrückt / umgelenkt, kann dies erhebliche psychische Belastungen verursachen. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Zwangshandlungen von Betroffenen meist als belastend und unerwünscht erlebt werden, während Stimming oder Rituale häufig entlastend wirken.


Die Bedeutung von Selbstkenntnis und therapeutischer Haltung


Ob Therapie unterstützend oder belastend wirkt, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören:


  • ob Betroffene ihre eigene Neurodivergenz bereits verstehen

  • ob eine Diagnose vorliegt (erhöhtes Risiko von Fehldiagnosen im therapeutischen Setting)

  • ob für Betroffene ein sprachliches und emotionales Vokabular vorhanden ist, um eigene Erfahrungen zu beschreiben

  • ob Therapeut:innen bereit sind, ihre Methoden anzupassen und gemeinsam mit Patient:innen zu reflektieren


Eine offene, neugierige und flexible therapeutische Haltung ist dabei entscheidend.


Herausforderungen für Therapeut:innen


Viele Therapeut:innen erleben Unsicherheit oder Überforderung, wenn etablierte Behandlungskonzepte nicht greifen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, Fortschritte während der Psychotherapie zu überschätzen, wenn autistische Patient:innen beginnen zu maskieren – also ihre natürlichen Reaktionen zu unterdrücken, um Erwartungen des / der Therapeut:in zu erfüllen.


Masking kann kurzfristig Anpassung ermöglichen, langfristig jedoch zu Erschöpfung, Identitätskonflikten und verstärkter psychischer Belastung führen. Eine scheinbar erfolgreiche Therapie kann dadurch unbeabsichtigt auf Kosten der Selbstwahrnehmung und Authentizität erfolgen (mehr zu Masking in meinem anderen Blogbeitrag)


Fazit


Medical Gaslighting im Kontext von Autismus entsteht meist nicht aus mangelnder Empathie oder fehlender Professionalität, sondern aus strukturellen Wissenslücken und unterschiedlichen neurologischen Erfahrungswelten.


Eine wirksame und unterstützende Therapie für autistische Menschen erfordert:


  • fundiertes Wissen über Neurodivergenz

  • individuelle Anpassung therapeutischer Methoden

  • gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit

  • die Anerkennung, dass autistische Wahrnehmung und Selbstregulation keine Defizite, sondern neurologische Varianten menschlicher Erfahrung sind


Nur wenn Therapie die neurodiverse Realität berücksichtigt, kann sie ihr eigentliches Ziel erreichen: Menschen in ihrem Wohlbefinden und ihrer Selbstbestimmung zu stärken.


Was sind eure Erfahrungen?


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