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Autismus und Reha: der Aufenthalt (Teil 2)

Aktualisiert: 30. Nov. 2022


Tatsächlich hätte ich nicht gedacht, dass ich so schnell einen zweiten Teil schreiben würde. Aber eins nach dem anderen. Mein Aufenthalt war vom 15.11.-20.12. in der Klinik Allgäuer Bergbad in Oberstdorf geplant. Ich hatte geplant dort mein verschlepptes Burn-Out und die Depressionen behandeln zu lassen und möchte euch nun von den Vorbereitungen und dem Aufenthalt erzählen.


3 Wochen davor: Die Vorbereitung

Da ich überhaupt keine Ahnung hatte was auf mich zu kommen wird, habe ich bereits vor ca. 3 Wochen eine Liste angelegt mit Sachen, die ich mitnehmen muss / kann / sollte.


Ich informierte mich einerseits auf der Internetseite der Klinik, die jedoch sehr dürftig war und nur allgemeine Infos zur Kleidung gab, die man ohnehin für jeden Urlaub mitnehmen würde.


Ich informierte mich aber auch über Blogs, die auch Infos darüber gaben, dass man eigene Tees, kleine Küchenmesser, die Lieblingstasse oder besonders viel sportliche und bequeme Kleidung mitnehmen sollte. Letzteres fand ich besonders nützlich, da sich dies ja besonders vom Urlaub unterscheidet.


Ich stelle auf meinem Handy also eine Liste zusammen, bestehend aus Kleidung für drinnen und für draußen, sowie Rubriken für Technisches (u.a. Ladekabel, iPad etc.), Duschen (u.a. Schampoo, Waschgel etc.) und sonstiges (u.a. Bücher, Block, Stifte, Tees etc.), die ich über die gesamte Zeit sukzessiv ergänzte.


Außerdem war mir ja klar, dass die Klinik nicht auf Autismus spezialisiert ist, und dementsprechend keine Infos über diese Art des Seins besitzt. Also habe ich mir vorgenommen den dortigen Arzt darüber informieren, was mir hilft, was für mich nicht funktioniert und was meine Schwierigkeiten sind.


Mir wurde außerdem ein Patientenfragebogen der Klinik geschickt, wo ich ausfüllen musste, was meine Beschwerden sind, meine berufliche Situation, mein Schmerz- und Stressempfinden, meine soziale Situation und was ich mir von dem Aufenthalt erhoffte. Diesen füllte ich ebenfalls aus.


1-2 Tage davor: Packen

Zwei Tage vor der Abreise begann ich die Koffer aus dem Keller zu holen, Schuhe zu putzen, und die letzten Klamotten zu waschen, damit ich alles bei der Abreise zur Verfügung hatte.


Ich überprüfte immer wieder, ob ich alles auch wirklich hatte und es nicht vielleicht schon abgehakt hatte, obwohl es noch nicht eingepackt war.


Einen Tag vor der Abreise ging es dann ans Packen. Tatsächlich hatte ich noch nie für einen so langen Zeitraum gepackt. Ich wusste zwar, dass ich in der Klinik Wäsche waschen konnte, und auch mein eigenes Waschmittel nutzen konnte, aber das wollte ich so selten, wie nur möglich machen. Also wollte ich so viele Klamotten, wie nur möglich einpacken. Das ganze Packen überforderte und stresste mich allerdings extrem.


Immer wieder musste ich Sachen aus dem einen Koffer in einen anderen Koffer packen oder einen weiteren Rucksack oder Tasche heraussuchen, damit ich alles verstaut bekam. Da ich keine Erfahrung mit Rehas hatte, fühlte ich mich trotz akribischer Liste und enorm viel Vorbereitungszeit überhaupt nicht vorbereitet. Es war nicht vorhersehbar:

  • Wie funktioniert die Waschmaschine dort?

  • Wie sind die genauen Abläufe?

  • Wie funktioniert das mit den Anwendungen?

  • Wie sehen die Räume aus?

  • Bekomme ich genug Pausen?

  • Kann ich dem Arzt genug Infos geben?

  • Wie rede ich mit den anderen Patienten vor Ort?

  • Werde ich viel Maskieren müssen?

Ich stellte mir so viele Fragen! Und ich war unglaublich nervös. Ich hatte das Glück, dass mich meine Mutter hinfuhr und mich ein paar Tage begleitete, solange bis ich mich eingewöhnt hatte. Das erschien mir eine große Erleichterung. Aber das half leider nicht, die ganze Ungewissheit vor Ort aufzuheben.


Der Abreisetag: Tag 1

Meine Mutter holte mich gegen 10 Uhr ab. Ich war immer noch schrecklich aufgeregt und nervös. Mein Puls raste und lag bei ca. 120. Dadurch, dass ich die zwei Tage davor bereits viel Energie ans Packen und Organisieren verloren habe, hatte ich das Gefühl, dass meine Batterien bereits sehr leer waren und mein Reizfilter schon sehr voll. Wie ein Becken, dass bereits schon zu 75% voll war, bevor es überquellen würde. Die Fahrt war angenehm und wir kamen ohne Probleme an.


Bei der Ankunft merkte ich bereits, wie die Aufregung in leichte Angst überging. All die Fragen schossen mir erneut in den Kopf. Wir parkten das Auto, gingen zum Eingang und meldeten uns an. Die Rezeptionisten waren sehr freundlich, allerdings ging es sehr hektisch zu. Es lief Musik im Eingangsbereich. Wir wurden praktisch mit Informationen überrollt: unterschreiben von Dokumenten, Zimmerschlüssel, danach schnell Mittagessen und dann gleich im Schwesternzimmer zum Arztgespräch melden. In 5 Minuten waren wir also im Speisesaal. Es war noch nichts ausgepackt. Dort angekommen erhielten wir eine ebenso hektische Anweisung zu den Essenszeiten (07:30-8:00 Frühstück, 11:30-12:00 Mittagessen, 17:00- 17:50 Abendessen) und dem Verhalten im Speisesaal #corona. Uns wurde ein Sitzplatz zugewiesen und eine Mahlzeit serviert. Der Sitzplatz war in der Nähe der Küche und man bekam sämtliche Geräusche der Küche mit. Ich bekam so gut, wie keinen Bissen runter und merkte den anrollenden Meltdown. Zu viele neue Menschen, zu viele Eindrücke, zu viele ungeklärte Fragen, zu viel Informationen und neue Abläufe,...es war einfach zu viel!


Meine Mutter ging mit mir nach draußen in den Eingangsbereich, ich setzte mich kurz auf eine Liege und setzte mir meine Noise Cancelling Kopfhörer auf. Meine Mutter suchte derweil unsere Zimmer, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Während dessen versuchte ich meinen Kopf zu leeren und kämpfte gegen den Meltdown an.


Im Zimmer angekommen, überrollte mich schlussendlich der Meltdown. Diese äußert sich bei mir in Weinen und nicht mehr reagieren und sprechen können. Ich würge zwar notgedrungen noch Worte hervor - wenn ich muss - sie hören sich dann eher verwaschen oder lallend an und es kostet mich unendlich viel Energie.


Ans Arztgespräch war natürlich nicht mehr zu denken, genauso wenig, wie ans Verlassen des Zimmers für irgendwelche anderen Aktivitäten. Zum Glück konnte meine Mutter das alles für mich regeln, indem sie der Ärztin absagte. Ich war überhaupt nicht mehr fähig, irgendwas interaktives zu machen.


Erst am Abend war ich wieder in der Lage zu sprechen und bekam einigermaßen wieder etwas zu Essen runter.


Arztgespräch: Tag 2

Am nächsten Tag ging es dann zum Frühstück. Mein Nervensystem war immer noch sehr angespannt. Eigentlich hätte ich heute einen Tag zum erholen gebraucht. Stattdessen befand ich mich wieder an meinem mir zugewiesenen Tisch mitten im Raum und in der Nähe der Küche. Wohlwissend habe ich mir schon meine Kopfhörer aufgesetzt. Um wenigstens einige Reize auszublenden. Die Menschen, die mich umgaben, habe ich nicht mehr wahrgenommen. Schon gar nicht ihre Gesichter. Es gab Buffet. Auf dem Tisch befand sich ein Behandlungsplan. Was mich sehr stutzig machte, schließlich hatte ich noch nicht mal ein Arztgespräch gehabt. Wieder stellte ich mir viele Fragen, die nur ins Ungewisse liefen. Planen die einfach über meinen Kopf hinweg? Gegessen hab ich nicht wirklich, ich brachte nichts runter. Eigentlich wollte ich nur noch weg.


Nach Frühstück dann der zweite Meltdown. Dieser hielt nicht ganz so lange an und ich konnte um 11 Uhr dann das Arztgespräch wahrnehmen.


Die Ärztin wollte sich unbedingt selbst ein Bild von meiner Situation machen. Eigentlich dient das Arztgespräch dazu den Patienten zu untersuchen, den körperlichen und psychischen Zustand aufzunehmen. Das Prozedere ist relativ umfangreich. In meinem Fall ging es eher darum, ob ich die Reha überhaupt antreten konnte.


Die Ärztin war sehr nett und verständnisvoll. Leider hatte sie aber auch keine tieferliegenden Kenntnisse über Autismus. Und so erklärte ich ihr die Situation, meine Überforderung mit den vielen neuen Reizen, Menschen und Abläufe. Und von dem Ergebnis, wenn alles zu viel wird: Meltdowns.


Einerseits wollte ich die Reha antreten, weil ich glaubte, dass ich davon profitieren könnte. Und andererseits merkte ich, dass ich hier einfach an meine Grenzen kam. Obwohl mein Kopf sich rational viele Gründe für das Bleiben ausdenken konnte, spürte ich, dass mein Körper absolut streikte.


Wir entschieden uns dann, dass ich die Reha am darauffolgenden Tag verlassen werde. Es wird keine Aufnahme geben. Ich merkte, dass ich erleichtert war. Sehr sogar. Die ganzen Fragen, die ganze Ungewissheit. Ich befand mich augenblicklich wieder in einem alten und gewohnten mentalen Setting: ich war mit meiner Mutter im Urlaub. Ich musste mich nicht in die vorgebenen und viel zu straffen Pläne unterordnen, mich nicht mit diesen ungewissen Plänen auseinandersetzen.


Im dritten Teil schreibe ich mein Fazit.




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