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ASS und ADHS - Gemeinsamkeiten und Unterschiede




Bei diesem Beitrag wird es schwierig sich nur auf wesentliche Punkte zu fokussieren. Denn das Thema 'Autismus und ADHS' auf seine Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen ist recht kompliziert. Ich habe tatsächlich immer wieder an diesem Beitrag gesessen. Da das Spektrum für beide Neurodiversitäten groß und umfangreich ist, ist dieser Beitrag nur ein Ausschnitt der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Man könnte jeden einzelnen Punkt noch weiter ausdiskutieren.


Gemeinsamkeiten

Bei Autismus und ADHS liegt eine Ähnlichkeit von ca. 70-80% in der Symptomatik vor.

  • Personen mit ASS und Personen mit ADHS haben Probleme mit der Reizverarbeitung und sind schneller reizüberflutet

  • Beide können sich "hibbelig" zeigen (z.B. herumspringen)

  • Beide können eine Vorliebe für Listen und Routinen haben

  • Beide können unkonzentriert wirken oder als ob sie nicht zuhören wollen

  • Beide können Masking zeigen (ihre Symptome unterdrücken)

  • Beide können Schwierigkeiten mit der Exekutiven Funktion (z.B. Planen, zielgerichtetes Arbeiten usw.)

  • Beide können extrem viel reden

  • Beide können impulsives Verhalten zeigen (z.B. Wutanfälle)

Komplizierter wird es bei Menschen, die auch beide Diagnosen haben.


Unterschiede

Die Symptome, die anfänglich sehr ähnlich erscheinen, können aber anhand ihrer Ursache von einander differenziert werden.


Reizverarbeitung

Menschen mit ASS reagieren bei Reizüberflutung stärker (z.B. Overload, Meltdown und Shutdown). Bei ADHS wird noch diskutiert, ob hier ebenfalls mit einer ähnlich starken Reaktion zu rechnen ist. Aktuell wird aber davon ausgegangen, dass das eher nicht der Fall ist. Ähnlich wie bei hochsensiblen oder hochbegabten Menschen, wird eine Reizüberflutung zwar als sehr unangenehm, aber nicht als quälend-schmerzhaft empfunden. Die Betroffenen versuchen der Situation ebenfalls zu entkommen, reagieren aber nicht mit Meltdowns. Sie können die Reizüberflutung anscheinend länger aushalten, als Menschen mit Autismus.



"Hibbelige" Reaktion

Herumhüpfen, springen, dauernd die Position beim Sitzen verändern. Das sind Reaktionen der ADHSlern aufgrund ihrer permanenten inneren Unruhe und ein Ausdruck des Abbaus. Diese innere Unruhe ist dabei omnipräsent und auch ohne Stress vorhanden. Mal wird herumgesprungen, mal nur mit dem Fuß gewackelt, dann der Deckel des Kugelschreibers geklickt. Je nach Situation kann die Reaktion immer wieder verschieden ausfallen. Hände kneten, einen Haargummi ziehen, springen, sich hin und her bewegen. Das sind typische autistische stereotype Stimming-Methoden. Sie dienen vor allem der Beruhigung, aber ebenfalls dem Abbau von aufgestauten Energien (z.B. bei zu viel Veränderung). Der Unterschied liegt darin, dass die autistische Person immer die gleiche Stimming-Methode in insbesondere stressigen Situationen nutzt. Die Person mit ADHS hat meist keine bevorzugte Methode um ihre innere Unruhe loszuwerden. Natürlich können aber auch Stimming-Methoden sich mit der Zeit verändern, z.B. wenn die autistische Person erwachsen wird.


Listen und Routine

Menschen mit ADHS können eine Vorliebe für To-Do-Listen oder Routinen entwickeln. Häufig handelt es sich dabei um einen Kompensationsmechanismus. Vor allem Menschen, die noch nicht diagnostiziert sind versuchen ihr gefühltes Chaos im Gehirn so in Griff zu bekommen. Das kann schon beinahe zwanghafte Züge annehmen. Autisten benötigen die Listen und Routinen dagegen weniger um ihr Chaos-Gehirn in den Griff zu bekommen, sondern eher um eine Vorhersehbarkeit zu schaffen. Durch Listen und Routinen wissen sie, wann wie etwas zu tun ist und können sich darauf einstellen. Das Chaos würde entstehen, wenn die Vorhersehbarkeit nicht eingehalten wird.


Unkonzentriert / Nicht zuhören

Autistische Menschen wirken manchmal so, als ob sie sich nicht angesprochen fühlen. Das ist besonders bei Kindern der Fall. Häufig liegt es daran, dass das Gesprochene schwerer zu verarbeiten ist. Etwa weil nicht konkret kommuniziert wurde. Sprache auf verbaler Ebene benötigt für autistische Menschen länger um verarbeitet zu werden. Sie brauchen mehr Zeit um auf das Gesagte zu reagieren. Menschen mit ADHS wirken, als ob sie nicht zuhören, weil sie häufig mit ihren Gedanken nicht im aktuellen Geschehen sind. Aufgrund der mangelnden Fähigkeit sich zu konzentrieren, springen sie beim kleinsten Impuls mit ihren Gedanken woanders hin. Das tun sie nicht mit Absicht, sondern weil ihre neurologische Konstitution einen gewissen Fokus nicht zulässt bzw. nur unter bestimmten Bedingungen zulässt.


Masking

Menschen mit Autismus entwickeln meist sehr früh die Fähigkeit zum Masking. Dadurch unterdrücken sie ihren Autismus und zeigen erlerntes neurotypisches Verhalten. (Mehr zum Masking in diesem Blog Beitrag) Masking bei Menschen mit ADHS beinhaltet ebenfalls das Unterdrücken der ADHS Symptomatik: sich zwingen ruhig zu sein, sich zwingen aufmerksam zu bleiben, zwanghaftes Führen von To-Do Listen. Während Menschen mit ADHS ihr Masking vor allem zur Unterdrückung der ADHS Symptome nutzen, benutzen Autisten Masking auch, um neurotypisches Verhalten zu zeigen, welches sie erst mühsam erlernt haben. ADHSler verstehen neurotypisches Verhalten meist einfacher und benötigen das zusätzliche Erlernen meist nicht.


Exekutive Dysfunktion

Bei der exekutiven Dysfunktion wird eine Unterscheidung zwischen ADHS und Autismus extrem schwierig, da einige Bereiche auch ursächlich sehr ähnlich sind. Außerdem umfasst die exekutive Dysfunktion mehrere kognitive Prozesse, wodurch der Beitrag zu lang werden würde. Daher wird hier nur ein Beispiel genannt: mit Dingen beginnen. Menschen mit ADHS haben aufgrund des Dopaminmangels (= Antriebsstörung) grundsätzlich Probleme mit Dingen zu beginnen und wieder aufzuhören. Sie können sich nicht aufraffen und selbst motivieren, aber wenn sie sich im sog. Hyperfokus befinden, können sie wiederum nicht mehr aufhören und vergessen dann komplett sie Zeit. Menschen mit Autismus beginnen Dinge beispielsweise nicht, wenn kein präziser Ablauf vorgegeben ist und sie vor lauter möglicher Entscheidungen nicht mehr handlungs- und entscheidungsfähig sind. Sie stehen dann vor einer Aufgabe und beginnen einfach nicht, weil ihr Gehirn überfordert ist.


Viel Reden

Sowohl Menschen mit ADHS als auch Menschen mit Autismus reden häufig viel.

Menschen mit ADHS haben in ihren Schilderungen häufig das Problem nicht zum Punkt zu kommen, platzen einfach in ein Gespräch, unterbrechen den Gegenüber. Hier ist die mangelnde exekutive Funktion das Problem, aber auch der mangelnde Fokus. Sie können ihre Gedanken schwer sammeln bzw. tun sich schwer sich zurückzuhalten, wenn sie dann mal einen interessanten Gedanken haben. Daher enden Gespräche mit ADHSlern häufig in Monologen oder einem Oversharing durch den ADHSler. Autisten dagegen monologisieren, wenn sie ein höchstpannendes Thema im Kopf haben, von dem sie glauben, dass es jeden interessieren müsste. Da sie zu dem Thema meist viel gelesen und recherchiert haben, wird das Gegenüber ebenfalls mit all diesen Details konfrontiert.


Impulsives Verhalten / Wutanfälle

Impulsives Verhalten gehört zum Teil auch zur mangelnden exekutiven Funktion. Autisten werden die sog. Meltdowns häufig als ein impulsives Verhalten nachgesagt, dabei handelt es sich hierbei um eine neurologische Reaktion auf einen Overload (Reizüberflutung). Die autistische Person zeigt also dieses Verhalten, weil sie sich so von dem überfordernden Reizen, die ihr Gehirn erreichen befreien kann. Wenn eine Person mit ADHS ihre Wut nicht im Griff hat, geschieht das aufgrund der exekutiven Dysfunktion. Die mangelnde Impulskontrolle gehört zur exekutiven Funktion, die ebenfalls Teil des ADHS ist. Die Person mit ADHS kann - ähnlich wie beim Reinplatzen in Gespräche - sich nicht zurücknehmen.










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