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AuDHS + hochbegabt: „Warum klappt es nicht? Ich hab’s doch verstanden!“

vor 10 Minuten
7 Min. Lesezeit

AuDHS und gleichzeitig hochbegabt – also twice exceptional (2e) – zu sein, kann Fluch und Segen zugleich sein.


Denn da ist dieser schnelle Verstand. Dinge werden rasch verstanden, komplexe Zusammenhänge erkannt und Logik wird zum besten Freund. Lernen kann unglaublich viel Freude machen. Gleichzeitig gibt es die neurodivergenten Besonderheiten von Autismus und ADHS: Reizverarbeitung, Aufmerksamkeit, eingeschränkte Exekutivfunktionen, Impulssteuerung, soziale Kommunikation und ein Nervensystem, das nicht immer so funktioniert, wie es die Umwelt erwartet.


Und genau hier entsteht ein paradoxes Problem:


„Ich verstehe doch, wie es funktionieren müsste. Warum schaffe ich es dann trotzdem nicht?“


Schule: „Du könntest so viel mehr“


Viele 2e-Kinder schaffen die Schule – irgendwie.


Mit Pausen. Mit Rückzug am Nachmittag. Mit enormem innerem Aufwand. Mit häufig stillem Leiden.


In den Zeugnissen finden sich Aussagen vielleicht etwas wie:


„Fasst rasch auf.“

„Macht Flüchtigkeitsfehler.“

„Ist sehr hilfsbereit.“

„Könnte seine Leistungen noch verbessern.“

"Könnte sich mehr melden."


Nach außen wirkt das Kind vielleicht relativ unauffällig. Vielleicht sind die Noten sogar gut. Doch innerlich erlebt es enormen Stress; den es häufig nicht gut verbalisieren kann.


Und oft bleibt es unter seinem eigentlichen Potenzial.


Denn Schule ist ein komplexes System. Es geht nicht nur darum, den Stoff zu verstehen. Man muss Hausaufgaben im Blick behalten, Materialien organisieren, Fristen einhalten, zwischen Aktivitäten wechseln, sich in Gruppen zurechtfinden, Reize aushalten, soziale Regeln entschlüsseln und gleichzeitig die eigene Aufmerksamkeit steuern. Für ein AuDHS Kind ist das eine Menge.


Ein hochbegabter Verstand kann vieles davon kompensieren.


Aber Kompensation ist nicht dasselbe wie müheloses Funktionieren.

Viele Betroffene sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostiziert. Sie wissen schlicht nicht, dass andere Menschen bestimmte Dinge möglicherweise nicht mit demselben Aufwand bewältigen.


Studium: Mehr Freiheit – und neue Anforderungen


Viele 2e-Personen entscheiden sich später für ein Studium. Denn eigentlich lernen sie ja sehr gern.


Und auch dort schaffen sie es häufig irgendwie.


Die weniger stark vorgegebenen Strukturen können zunächst sogar eine Erleichterung sein. Man kann sich den Lernstoff selbst einteilen, Interessen verfolgen und den eigenen Tagesablauf flexibler gestalten. Gleichzeitig erfordert all das enorm hohes Selbstmanagement, was vielen Betroffenen zum Verhängnis werden kann.


Manche arbeiten zusätzlich zum Studium. Andere leben in einer WG oder im Studentenwohnheim. Neben der neuen größeren Freiheit wird die Alltagsbewältigung und die damit verbundenen Anforderungen komplexer. Betroffene entwickeln immer wieder neue Anpassungssysteme.


Spätestens in dieser Phase zeigen sich bei manchen bereits deutliche Erschöpfungssymptome.


Der Preis jahrelanger Kompensation wird sichtbar.

Nicht selten kommen erste Burn-out-Symptome, depressive Beschwerden, Angststörungen, Zwänge, körperliche Symptome, wie z.B. Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder der erste Kontakt mit Psychotherapie hinzu – sofern nicht bereits in der Jugend eine psychotherapeutische Begleitung stattgefunden hat.


Die Leistung, die niemand sieht


Was in vielen pädagogischen, psychologischen oder medizinischen Kontexten leicht übersehen wird:


Viele 2e-Personen leisten bereits seit ihrer Kindheit enorm viel zusätzliche Anpassungsarbeit.

Sie analysieren.


Sie beobachten.


Sie verstehen.


Sie ordnen ein.


Sie lernen soziale Regeln.


Sie unterdrücken Impulse.


Sie zwingen sich zu konzentrieren.


Sie halten sensorische Belastungen aus.


Sie versuchen, Freundschaften zu verstehen und aufzubauen.


Sie beobachten andere Menschen und übernehmen deren Verhalten.


Sie entwickeln Strategien gegen ihre Vergesslichkeit.


Und sie versuchen gleichzeitig, "ganz normal" Kind oder Jugendliche zu sein (Stichwort Masking).


Manche schaffen es trotz dieser zusätzlichen Belastung, sehr gute Noten zu schreiben.


Und genau darin liegt ein Teil des Problems:


Der Verstand ermöglicht es ihnen, unglaublich viel zu kompensieren.

Das Ergebnis sieht von außen nach gutem Funktionieren aus.


Der dafür notwendige Aufwand bleibt unsichtbar.


Der Preis der Kompensation


Viele 2e-Personen beginnen deshalb, ihren Verstand auch für Dinge einzusetzen, die für andere Menschen möglicherweise intuitiver funktionieren.


Sie analysieren:


Wie funktionieren Freundschaften?

Was erwarten andere Menschen von mir?

Wie funktioniert Schule?

Wie muss ich mich verhalten, damit ich dazugehöre?

Wie verhindere ich, dass ich Dinge vergesse?

Wie zwinge ich mich dazu, anzufangen?


Sie werden zu Experten darin, ihre eigenen Schwierigkeiten zu analysieren und Strategien dagegen zu entwickeln.


Und das funktioniert erstaunlich gut.


Vielleicht sogar zu gut.


Denn wenn Kompensation funktioniert, gibt es zunächst keinen offensichtlichen Grund, etwas zu verändern.


Die Person kommt damit weit.


Und bemerkt möglicherweise nicht, dass sie sich dabei immer weiter von den eigenen Bedürfnissen entfernt.


Wenn Denken zur Gewalt gegen sich selbst wird


Irgendwann kann aus Kompensation etwas anderes werden.


Die Person lernt:


Wenn ich etwas nur ausreichend verstehe, muss ich es auch schaffen können.


Und daraus entstehen Regeln wie:


Ich muss mich nur besser organisieren.

Ich muss mich einfach mehr konzentrieren.

Ich muss mich daran gewöhnen.

Andere schaffen das doch auch.

Ich darf mich nicht so anstellen.

Ich muss mich einfach anpassen.


Der Verstand wird damit nicht mehr nur zum Werkzeug.


Der Verstand wird zum Instrument, mit dem die eigenen Bedürfnisse übergangen werden.

Man zwingt sich, Entscheidungen schnell zu treffen, obwohl das eigene System mehr Zeit benötigt.


Man zwingt sich, von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln, obwohl Übergänge enorm viel Energie kosten.


Man trägt Kleidung, deren Material unangenehm ist.


Man hält Lärm aus.


Man isst Dinge, die man eigentlich nicht mag.


Man ignoriert Erschöpfung.


Man zwingt sich zu sozialen Aktivitäten.


Und irgendwann wird das eigene Bedürfnis nicht mehr als Information verstanden, sondern als Hindernis.

Dabei wäre genau das Gegenteil notwendig:


Der Verstand sollte nicht dazu dienen, die eigenen Bedürfnisse wegzukompensieren. Er sollte dabei helfen, ein Leben zu gestalten, in dem diese Bedürfnisse berücksichtigt werden können.


Der Zusammenbruch


Irgendwann kann die individuelle Kapazität die Anforderungen nicht mehr auffangen.


Dann funktioniert auch die Kompensation nicht mehr.


Was vorher mit enormem Denkaufwand möglich war, funktioniert plötzlich nicht mehr.


Es können Angstzustände, depressive Symptome, Burn-out, Schlafprobleme, Magen-Darm-Beschwerden oder andere körperliche und psychische Belastungen auftreten.


Der Körper zieht gewissermaßen die Notbremse.


Und dann beginnt häufig eine lange Suche:


Arzttermine.

Psychotherapie.

Diagnostik.

Vielleicht Klinikaufenthalte.

Neue Medikamente.

Neue Diagnosen.


Doch gerade 2e-Personen können dabei leicht durch das Raster fallen.


Fehldiagnosen und übersehene Neurodivergenz


Autismus, ADHS und Hochbegabung können jeweils übersehen oder fehlinterpretiert werden. Gleichzeitig können sich ihre Merkmale gegenseitig überlagern.


Bei einer 2e-Person kann beispielsweise die hohe kognitive Leistungsfähigkeit die Auswirkungen von ADHS oder Autismus lange kompensieren.


Umgekehrt können ADHS-Symptome dazu führen, dass die vorhandenen Fähigkeiten weniger sichtbar werden.


Dazu kommen mögliche Fehldiagnosen oder Erklärungsmodelle, die zwar einzelne Symptome beschreiben, aber nicht das gesamte Bild erklären.


Manche Betroffene durchlaufen deshalb mehrere Diagnosen und Therapieversuche, bevor sie - häufig - selbst auf die Kombination aus Autismus, ADHS und Hochbegabung stoßen.


Wenn Recherche zur Selbsthilfe wird


Eine Besonderheit mancher 2e-Personen ist ihre Fähigkeit, sich sehr tiefgehend in komplexe Themen einzuarbeiten.


Wenn sie bemerken, dass etwas nicht stimmt und bisherige Erklärungen nicht passen, beginnen sie zu recherchieren.


Und diese Recherche kann ausgesprochen gründlich werden.


Studien werden gelesen, diagnostische Kriterien verglichen, Fachbegriffe gelernt, eigene Erfahrungen dokumentiert, Widersprüche gesucht.


Bei ADHS kann daraus durch Hyperfokus bzw. im Kontext mit Autismus ein starkes Interesse am Thema sogar ein regelrechtes Spezialinteresse entstehen.


Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jede Selbstdiagnose richtig ist.


Aber es bedeutet auch nicht automatisch, dass eine Person, die sich intensiv mit ihrer eigenen Problematik beschäftigt hat, deshalb weniger ernst genommen werden sollte.


Gründliche Recherche ist kein Beweis für eine Diagnose – aber sie ist auch kein Beweis gegen sie.

2e-Personen und medizinisches Fachpersonal


Hier entsteht eine besondere Dynamik.


Wenn eine 2e-Person zu einem Arzt / einer Ärztin geht, hat sie sich meist bereits sehr intensiv mit ihren Beschwerden beschäftigt.

Sie kennt medizinische Fachbegriffe.


Sie kann Symptome strukturiert beschreiben.


Sie hat möglicherweise bereits Differentialdiagnosen recherchiert.


Sie spricht sachlich und emotional relativ unaufgeregt über ihre Beschwerden.


Und manchmal hat sie sogar schon eine konkrete Vorstellung davon, welche Untersuchung oder Abklärung sinnvoll sein könnte.


Das kann auf beiden Seiten zu Missverständnissen führen.


Die betroffene Person denkt:


„Ich habe doch alles erklärt. Warum versteht sie / er mich nicht?“


Das medizinische Gegenüber kann die Kommunikation dagegen möglicherweise als zu selbstsicher, zu fordernd oder als Festlegung auf eine bestimmte Diagnose erleben.


Die Folge:


Die Patientin / der Patient fühlt sich nicht ernst genommen (siehe meinen Blogbeitrag zu Medical Gaslightning).


Der Betroffene spürt Distanz oder Ablehnung.


Und beide Seiten verlassen das Gespräch mit dem Gefühl, nicht verstanden worden zu sein.


Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen gut informierter Patientin und selbstgestellter Diagnose zu unterscheiden.


Beides ist nicht dasselbe.


Die Diagnostik


Ähnliche Schwierigkeiten können in der Autismus- oder ADHS-Diagnostik auftreten.


Die betroffene Person hat vielleicht bereits sehr viel Wissen über das Thema aufgebaut und eine detaillierte Liste eigener Symptome erstellt.


Ihre Gründlichkeit kann dann jedoch fälschlicherweise als „Fixierung auf eine gewünschte Diagnose“ interpretiert werden.


Während der diagnostischen Beobachtung fällt sie möglicherweise vor allem durch ihre Intelligenz, ihre Sprache und ihre gute Kompensation auf.

Sie wirkt funktional.


Sie kann soziale Situationen analysieren.


Sie kann erklären, warum sie bestimmte Dinge tut.


Und vielleicht hält sie selbst viele ihrer kompensatorischen Strategien für völlig normal.


Schließlich kennt sie ihr Leben nicht anders.


Wenn die diagnostische Perspektive ausschließlich darauf schaut, was eine Person sichtbar leisten kann, können die unsichtbaren Kosten dieser Leistung übersehen werden.


Dann erhält die Person nicht nur keine Diagnose – sondern möglicherweise auch keine passenden Hilfen.


Unterstützung an den richtigen Stellen


2e-Personen brauchen nicht weniger Unterstützung, nur weil sie intelligent sind.


Sie brauchen häufig die richtige Unterstützung an den richtigen Stellen.


Futter für den Verstand


Unterforderung kann genauso belastend sein wie Überforderung.


Komplexe Aufgaben, anspruchsvolle Inhalte, kreative Herausforderungen und die Möglichkeit, Interessen zu verfolgen, können deshalb wichtige Ressourcen sein.


Unterstützung für Autismus


Dazu können beispielsweise gehören:


  • reizärmere Arbeitsumgebungen

  • Noise-Cancelling-Kopfhörer

  • Einzelbüros oder Rückzugsmöglichkeiten

  • klare und eindeutige Kommunikation

  • vorhersehbare Abläufe

  • schriftliche Informationen

  • weniger unnötige soziale Anforderungen


Unterstützung für ADHS


Hilfreich können beispielsweise sein:


  • möglichst wenige Ablenkungen

  • externe Struktur

  • Body Doubling

  • visuelle Erinnerungssysteme

  • Strategien für Aufgabenbeginn und Aufgabenwechsel

  • gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung


Und vor allem braucht es etwas, das für 2e-Personen besonders schwer zu lernen sein kann:


Die eigene Intelligenz ist kein Ersatz für passende Rahmenbedingungen.

Man kann etwas verstehen und trotzdem Unterstützung brauchen.


Man kann genau wissen, wie etwas funktionieren sollte – und trotzdem nicht über die neurologischen Ressourcen verfügen, es dauerhaft auf diese Weise umzusetzen.


Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:


„Ich habe es verstanden“ bedeutet nicht automatisch „Ich kann es unter diesen Bedingungen leisten.“


Denn zwischen Verstehen, Können und dauerhaftem Funktionieren liegen manchmal drei völlig unterschiedliche Dinge.


(Zu diesem Thema ist ein Buch in Planung - Updates gibts hier oder auf meinen Social Media Kanälen)

 
 
 

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